Recht & KI · Stand: 11. Juni 2026 · Cluster A

EU AI Act für kleine Betriebe: Was ab dem 2. August 2026 wirklich gilt — und was gerade verschoben wurde

✍️ Irfan Tutic 📅 11. Juni 2026 ⏱ ca. 9 Min. Lesezeit 🔄 wird bei Rechtsänderungen aktualisiert

In sieben Wochen — am 2. August 2026 — wird der nächste große Block der EU-KI-Verordnung anwendbar. Viele Artikel im Netz erzählen dir dazu Dinge, die seit Mai 2026 nicht mehr stimmen: Die EU hat einen erheblichen Teil der Pflichten gerade nach hinten verschoben. Hier ist der ehrliche, aktuelle Stand für Betriebe, die KI-Tools wie ChatGPT, Canva oder Chatbots nutzen (nicht entwickeln).

In 30 Sekunden vorab

Entwarnung mit Sternchen: Für reine KI-Nutzer bringt der August 2026 vor allem zwei Dinge — dein Website-Chatbot muss sich als KI zu erkennen geben, und täuschend echte KI-Bilder (Deepfakes) musst du kennzeichnen. Normale Canva-Grafiken und Illustrationen: nein. Die gefürchteten Hochrisiko-Pflichten (z. B. KI im Recruiting) wurden auf Dezember 2027 verschoben. Und die Schulungspflicht für dein Team? Die gilt schon seit Februar 2025 — eine dokumentierte Stunde reicht.

⚡ Das hat sich gerade geändert (viele Artikel sind veraltet)

Am 7. Mai 2026 haben sich EU-Rat und Parlament im „Digital Omnibus" politisch geeinigt: Die Hochrisiko-Pflichten (Anhang III — u. a. KI in Bewerbungsverfahren, Kreditvergabe) starten statt August 2026 erst am 2. Dezember 2027; für KI in regulierten Produkten sogar erst August 2028. Wichtig: Die formale Annahme läuft noch (Plenarabstimmung im Juni, Amtsblatt voraussichtlich Juli 2026) — wir aktualisieren diesen Artikel, sobald es amtlich ist.

Der aktuelle Zeitplan — Stand 11. Juni 2026

Seit 02.02.2025 — gilt bereits ✓
Verbotene Praktiken (Social Scoring & Co. — für normale Betriebe irrelevant) und die KI-Kompetenz-Pflicht (Art. 4): Jeder Betrieb, der KI einsetzt, muss sein Team angemessen schulen. Ja, auch bei reiner ChatGPT-Nutzung. Details unten.
Seit 02.08.2025 — gilt bereits ✓
Pflichten für KI-Modell-Anbieter (OpenAI, Google & Co.) — betrifft dich als Nutzer nicht.
02.08.2026 — in 7 Wochen
Transparenzpflichten (Art. 50): Chatbots müssen sich als KI zu erkennen geben; täuschend echte KI-Inhalte (Deepfakes) müssen gekennzeichnet werden. Außerdem wird das Sanktionsregime auf nationaler Ebene scharf geschaltet.
02.12.2026
Ende der Übergangsfrist für die maschinenlesbare Markierung (Wasserzeichen — eine Pflicht der Tool-Anbieter, nicht deine); zusätzlich neue Verbote gegen KI-generierte Missbrauchsinhalte.
02.12.2027 — VERSCHOBEN (war: Aug 2026)*
Hochrisiko-Pflichten nach Anhang III: KI in Bewerbungsverfahren, Kreditwürdigkeitsprüfung, Bildung. Erst ab hier gelten die strengen Betreiberpflichten (Art. 26).
02.08.2028 — VERSCHOBEN*
Hochrisiko-KI in regulierten Produkten (Maschinen, Medizinprodukte — Anhang I).

* Politische Einigung vom 07.05.2026; formale Annahme (Plenum + Amtsblatt) für Juni/Juli 2026 erwartet. Bis dahin formal noch alte Rechtslage.

Deine Pflichten-Tabelle als Nutzer-Betrieb

PflichtGilt abBetrifft dich?Dein To-do
KI-Kompetenz (Art. 4)läuft seit 02/2025JA — jeder1 h Team-Schulung, Datum + Teilnehmer notieren
Chatbot-Offenlegung02.08.2026Ja, wenn Chatbot auf der WebsitePrüfen: zeigt der Bot einen KI-Hinweis?
Deepfake-Kennzeichnung02.08.2026Nur bei täuschend echten KI-InhaltenFotorealistische KI-Personen/Szenen kennzeichnen
Maschinenlesbares Wasserzeichen08/2026 (Übergang bis 12/2026)Nein — AnbieterpflichtEtablierte Tools nutzen (machen das selbst)
Hochrisiko-Betreiberpflichten (z. B. Recruiting-KI)02.12.2027*Nur bei KI-BewerbungsbewertungVormerken; DSGVO gilt dort schon HEUTE
GPAI-/Modell-Pflichtenseit 08/2025Nein — trifft OpenAI & Co.

Chatbot auf der Website: der KI-Hinweis

Ab dem 2. August 2026 müssen KI-Systeme, die mit Menschen interagieren, so gestaltet sein, dass klar ist: Hier antwortet eine Maschine. Die Design-Pflicht trifft formal den Anbieter (Tidio, ManyChat & Co.) — aber praktisch solltest du prüfen, dass dein eingebundener Bot den Hinweis auch wirklich zeigt, spätestens bei der ersten Interaktion. Ein „KI-Assistent"-Label im Chat-Fenster genügt.

⚠️ White-Label-Falle: Wer einen Chatbot komplett unter eigenem Namen anbietet (eigenes Branding, keine Anbieter-Nennung), kann rechtlich selbst zum „Anbieter" werden — mit deutlich mehr Pflichten. Beim Standard-Einbau von Tidio/ManyChat passiert das nicht. Unsere Empfehlungen dazu: KI-Chatbot-Vergleich →

KI-Bilder: Was du kennzeichnen musst — und was nicht

Die wichtigste Entwarnung des ganzen Gesetzes — mit einem Sternchen:

  • Kennzeichnen musst du als Nutzer nur „Deepfakes": KI-Inhalte, die täuschend echt wirken und reale Personen, Orte oder Ereignisse zeigen — also Inhalte, die ein durchschnittlicher Betrachter für authentisch halten würde.
  • NICHT kennzeichnungspflichtig: offensichtlich künstlerische oder fiktive Inhalte — deine Canva-Illustration, die Comic-Grafik, das abstrakte Social-Media-Visual. Auch KI als bloßes Hilfswerkzeug (Textkorrektur, leichte Bildretusche) löst keine Pflicht aus.
  • Die Grauzone: fotorealistische KI-„Menschen" ohne reales Vorbild (das KI-generierte „Kundenfoto"). Juristen tendieren zu: kennzeichnen, wenn es täuschen kann. Unsere Empfehlung: im Zweifel ein dezentes „KI-generiert" — kostet nichts, schützt viel.
  • KI-Texte: Werbetexte und Blogartikel mit redaktioneller Kontrolle sind praktisch nicht betroffen (die Pflicht zielt auf journalistische Information der Öffentlichkeit).

Übrigens: Instagram & TikTok verlangen die KI-Kennzeichnung über ihre Plattformregeln teils schon heute — wie das praktisch geht, steht in unserem Social-Media-Guide.

Die Schulungspflicht (Art. 4) — gilt SCHON, in 60 Minuten erfüllt

Das übersehen die meisten: Seit dem 2. Februar 2025 muss jeder Betrieb, der KI einsetzt, für „ausreichende KI-Kompetenz" seines Teams sorgen — ohne Größen-Untergrenze, auch beim 3-Personen-Betrieb mit ChatGPT-Account. Die gute Nachricht: Kein Zertifikat, kein Pflicht-Kurs, kein direktes Bußgeld. Was reicht:

  1. 1 Stunde Team-Runde: Welche Tools nutzen wir? Was können sie, wo irren sie (Halluzinationen)? Welche Daten dürfen NIE hinein (Kundendaten ohne AVV)? Wer prüft Ergebnisse?
  2. Eine Notiz: Datum, Teilnehmer, Themen — abgelegt. Das ist deine Dokumentation.
  3. Bei neuen Tools wiederholen.
Praktisch: Unsere DSGVO-KI-Checkliste (Punkt 5: „Team-Regeln auf einer A4-Seite") deckt die Schulungs-Inhalte gleich mit ab — zwei Pflichten, ein Termin.

Die Recruiting-Falle — jetzt erst ab Dezember 2027, aber …

KI, die Bewerbungen filtert, bewertet oder rankt, ist Hochrisiko-KI (Anhang III). Die strengen Betreiberpflichten dafür (menschliche Aufsicht, Protokolle, Mitarbeiter-Information) kommen nach der Omnibus-Einigung erst am 2. Dezember 2027. Aber zwei Dinge gelten schon heute: Erstens die DSGVO — vollautomatisierte Ablehnungen ohne menschliche Letztentscheidung sind bereits jetzt ein Problem (Art. 22 DSGVO). Zweitens: ChatGPT zum Formulieren der Stellenanzeige ist völlig unkritisch — die Falle ist die automatische Bewertung von Menschen.

Bußgelder & wer in Deutschland kontrolliert

  • Rahmen: Verstöße gegen die Transparenzpflichten bis 15 Mio. € oder 3 % des Umsatzes — für KMU gilt ausdrücklich der jeweils niedrigere Wert.
  • Aufsicht in DE: Die Bundesnetzagentur wird zentrale KI-Aufsicht (mit „KI-Service-Desk" als Anlaufstelle). Das deutsche Durchführungsgesetz (KI-MIG) steht unmittelbar vor der Bundestags-Schlussabstimmung (angesetzt für den 11.06.2026) — danach noch Bundesrat.
  • Realistisches Risiko für Kleinbetriebe: in der Anfangsphase niedrig — die Behördenstruktur entsteht gerade erst, der erklärte Ansatz ist beratungsorientiert. Das wahrscheinlichere Ärgernis sind wettbewerbsrechtliche Abmahnungen bei offensichtlichen Verstößen (z. B. fehlender Chatbot-Hinweis) — Einschätzung von Kanzleien, noch ohne Rechtsprechung.

Die 5 größten Mythen — kurz richtiggestellt

❌ „Ab August 2026 muss ich jedes KI-Bild kennzeichnen."
Nur Deepfakes — täuschend echte Darstellungen realer Personen/Orte/Ereignisse. Illustrationen und offensichtliche Grafiken: nein.
❌ „Wer ChatGPT nutzt, fällt unter die Modell-Pflichten."
✅ Die treffen OpenAI & Co., nicht dich als Nutzer.
❌ „Die Hochrisiko-Pflichten kommen im August 2026."
Veraltet seit Mai 2026: per Omnibus-Einigung auf den 2. Dezember 2027 verschoben. Viele deutsche Artikel haben das noch nicht nachgezogen.
❌ „Art. 4 verlangt zertifizierte KI-Schulungen."
Keine Zertifikatspflicht. Interne, dokumentierte Schulung genügt — und ein direktes Bußgeld gibt es dafür nicht.
❌ „Kleine Betriebe sind komplett ausgenommen."
✅ Keine Generalausnahme — aber die Nutzer-Pflichten sind schlank, und KMU-Bußgelder sind auf den niedrigeren Wert gedeckelt.

Was noch unsicher ist — volle Transparenz

Wir sagen dir auch, was wir (noch) nicht sicher wissen:

  • Der Digital Omnibus ist formal nicht beschlossen — nur politisch geeinigt. Scheitert der Zeitplan wider Erwarten, gälten ab 2. August 2026 formal die alten Fristen. Wir aktualisieren diesen Artikel nach der Plenarabstimmung.
  • Bei der Wasserzeichen-Übergangsfrist sind sich die Quellen uneins, ob sie nur für Bestandssysteme oder alle gilt — für dich als Nutzer ohnehin nachrangig.
  • Detail-Leitlinien zu Art. 50 (z. B. Marketing-Grenzfälle) stehen noch aus — die Grauzone „fotorealistische KI-Models" bleibt vorerst Grauzone.
  • Das deutsche KI-MIG ist noch im Gesetzgebungsverfahren (Stand 11.06.2026).
✅ Dein 30-Minuten-Fahrplan bis August: ① Team-Schulung machen + Notiz ablegen (erfüllt Art. 4, längst fällig) · ② Website-Chatbot öffnen: zeigt er einen KI-Hinweis? Falls nein, in den Bot-Einstellungen aktivieren · ③ Marketing-Bilder durchgehen: Gibt es täuschend echte KI-Fotos? → dezent kennzeichnen · ④ Fertig — mehr verlangt der August 2026 von einem Nutzer-Betrieb nicht.

Häufige Fragen

Muss ich meine Canva-Grafiken ab August kennzeichnen?
In aller Regel nein. Kennzeichnungspflichtig sind für Nutzer nur täuschend echte Darstellungen realer Personen, Orte oder Ereignisse (Deepfakes). Illustrationen, Layout-Grafiken und offensichtlich gestaltete Visuals fallen nicht darunter. Grauzone: fotorealistische KI-„Menschen" — da empfehlen wir im Zweifel ein dezentes „KI-generiert".
Gilt die Schulungspflicht wirklich auch für meinen 2-Personen-Betrieb?
Ja — Art. 4 kennt keine Größen-Untergrenze und gilt seit Februar 2025 für jeden Betrieb, der KI einsetzt. Die Anforderung ist aber verhältnismäßig: eine interne, dokumentierte Schulung passend zu euren Tools genügt. Kein Zertifikat nötig, kein direktes Bußgeld vorgesehen.
Was wurde im Mai 2026 genau verschoben?
Die politische Einigung zum „Digital Omnibus" (7. Mai 2026) verschiebt die Hochrisiko-Pflichten: Anhang-III-Systeme (Recruiting, Kreditvergabe, Bildung) von August 2026 auf den 2. Dezember 2027; Hochrisiko-KI in regulierten Produkten auf August 2028. Die Transparenzpflichten (Chatbot, Deepfakes) bleiben beim 2. August 2026. Formale Annahme steht noch aus (erwartet Juni/Juli 2026).
Wer kontrolliert das in Deutschland — und wie streng?
Zentrale Aufsicht wird die Bundesnetzagentur (das deutsche Durchführungsgesetz KI-MIG ist im Bundestag in der Schlussphase). Der erklärte Ansatz ist beratungsorientiert mit einem KI-Service-Desk als Anlaufstelle. Für Kleinbetriebe ist das Bußgeldrisiko anfangs niedrig — wahrscheinlicher sind UWG-Abmahnungen bei offensichtlichen Verstößen.
Ich nutze KI nur für interne Texte — betrifft mich der AI Act überhaupt?
Fast nicht. Es bleibt die Schulungspflicht (Art. 4, eine dokumentierte Team-Stunde) — das war's. Interne Nutzung ohne Chatbot, ohne veröffentlichte Deepfakes und ohne Hochrisiko-Anwendung löst keine weiteren AI-Act-Pflichten aus. Die DSGVO gilt natürlich weiterhin (Kundendaten!).
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Zwei Pflichten, ein Termin: die DSGVO-KI-Checkliste

Punkt 5 (Team-Regeln) erfüllt gleich die AI-Act-Schulungspflicht mit — 6 Punkte zum Abhaken, sofort verfügbar.

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Quellen (alle abgerufen am 11.06.2026): EU-Rat/Consilium: Pressemitteilung zur Omnibus-Einigung (07.05.2026) · artificialintelligenceact.eu (Implementation Timeline, Art. 4, 26, 50, 62) · Gibson Dunn & Travers Smith: Analysen der Omnibus-Einigung · Haufe: Kennzeichnungspflicht ab August 2026 · Härting Rechtsanwälte: Transparenzpflichten Art. 50 · IHK Hannover & Noerr: KI-Kompetenz Art. 4 · Deutscher Bundestag: KI-MIG (Drs. 21/4594, Beratungsstand 06/2026) · bundesregierung.de: Bundesnetzagentur als KI-Aufsicht · secjur: KMU-Erleichterungen. Widersprüche zwischen Quellen sind im Text als solche markiert.
ℹ️ Keine Rechtsberatung. Stand: 11. Juni 2026 — Teile des Zeitplans sind politisch geeinigt, aber formal noch nicht in Kraft (im Text gekennzeichnet). Bei konkreten Fällen: Fachanwalt für IT-Recht. Dieser Artikel enthält keine Affiliate-Links.